Kieferverlagerung

Die Neueinstellung der Lagebeziehung von Ober- und Unterkiefer zur Schädelbasis ist einer der häufig durchgeführten Eingriffe der plastischen Gesichtschirurgie. Wichtig ist es in diesem Zusammenhang zu betonen, dass die Indikation hier in aller Regel eine funktionelle ist. Der kosmetiche Effekt, der sich aus einer derartigen Operation ergibt, ist häufig nur ein Begleitaspekt. Durch falsche Kieferlagebeziehungen ergeben sich nämlich Fehlbelastungen der Zähne und des Kiefergelenks, die zu degenerativen Kiefergelenksveränderungen bis hin zur Arthrose führen können. Eine Arthrose bedeutet aber sehr häufig eine eingeschränkte Mundöffnung, Schmerzen beim Essen, Knackgeräusch und ähnliches. Beim Auftreten derartiger Symptome, sollte man also auf jeden Fall das Vorliegen einer Kieferfehlstellung, einer sog. Dysgnathie ausschließen. Dieses kann am besten der Kieferorthopäde und der Mund-, Kiefer-, Gesichtschirurg. Die Therapie dieser Kieferfehlstellungen liegt dann auch in der Hand von Kieferorthopäde und MKG- Chirurg. Eine Kostenübernahme durch die gesetzlichen und privaten Krankenversicherungen kann in aller Regel erfolgen. Einzelne Teilaspekte des Eingriffes, wie z. B. eine zusätzliche Korrektur des Kinns, sind aber im Einzelfall Privatleistungen, da sie ausschließlich eine kosmetische Indikation haben.

Bei den kieferverlagernden Eingriffen unterscheidet man zwischen Eingriffen am Ober- und am Unterkiefer. Während die Unterkieferchirurgie schon wesentlich länger betrieben wird, wurden umfangreiche Eingriffe im Bereich des Oberkiefers und des Mittelgesichtes erst in den 70er und 80er Jahren zur Routine. Entsprechend der gewählten Abtrennungslinie des Oberkiefers bzw. des Mittelgesichtes von der Schädelbasis unterscheidet man hier zwischen sog. Le Fort I, II und III Osteotomien. Der häufigste Eingriff ist die Le Fort I Osteotomie. Bei dieser Operation wird der Oberkiefer über einen Zugang von der Mundhöhle her vom Mittelgesicht abgetrennt. Er wird dann nach Positionierung über einen sog. Splint, der im Rahmen einer Modelloperation hergestellt wird, neu positioniert und in seiner neuen Position mit feinen Osteosyntheseplatten fixiert. Die Le Fort I Osteotomie ist mittlerweile ein Routineeingriff, der bei uns auch ambulant durchgeführt wird. Unabhängig davon sollte man sich jedoch immer auch der möglichen Risiken einer derartigen Operation bewusst sein. Im Bereich des Oberkiefers besteht vor allen Dingen ein Blutungsrisiko, das uns veranlasst bei fast allen Eingriffen den Patienten eine sog. Eigenblutspende zu empfehlen. Auf diese Art und Weise kann für den Fall einer vermehrten Blutung auf das von den Patienten selber vor dem Eingriff gespendete Blut zurückgegriffen werden und eine Fremdblutgabe, die zwar heute mit wenigen, aber doch immer noch mit leichten Risiken versehen ist, vermieden werden.

Im Unterkiefer unterscheidet man verschiedene Operationstechniken zur Verlagerung des Unterkiefers. Die am weitesten verbreitete ist die sog. sagitale Spaltung nach Obwegeser- Dal Pont. Entwickelt wurde dieses Verfahren von den beiden im Namen der Operationstechnik angegebenen Chirurgen, nämlich Hugo Obwegeser und Dal Pont. Hier gelingt es auch, über einen intraoralen Eingriff, d. h. über die Mundhöhle hinter dem letzten Zahn den Unterkiefer so zu spalten, dass der im Kieferkörper verlaufende Nerv nicht geschädigt wird. Daneben gibt es noch verschiedene Techniken der sog. höheren Osteotomie, d. h. der Unterkiefer wird im Bereich des aufsteigenden Astes durchtrennt. Vorteil dieser Verfahren ist das geringere Risiko einer Nervschädigung, man erkauft sich dies jedoch mit einer geringeren Knochenanlagerungsfläche, die zu einer leicht erhöhten Rezidivneigung führt.

Häufig kombiniert wird die Unterkieferverlagerung mit einer Kinnplastik. Hierbei wird ebenfalls über einen von intraoral durchgeführten Eingriff, die Kinnspitze gelöst und nach vorne oder hinten verlagert. Auch hier erfolgt die Fixation dann mit einer Osteosyntheseplatte.

Neben den die Kiefer in ihrer sagitalen Beziehung verlagernden Eingriffen, gibt es auch noch die Möglichkeit der Dehnung. Unter Nutzung von unterschiedlichen Dehnapparaturen, die entweder am Knochen verankert werden (Distraktor) oder aber an den Zähnen fixiert werden (Quartelix), erfolgt dann nach der Lösung des Knochens eine Dehnung in transversaler Richtung, d. h. in der Breite.

Alle diese Eingriffe sind in der Regel mit kieferorthopädischen Vor- und Nachbehandlungsmaßnahmen zu kombinieren. Lediglich für den Fall des Vorliegens eines zahnlosen Kiefers oder aber bei deutlich reduziertem Zahnbestand kann auch die Feineinstellung mittels neuen Zahnersatzes erfolgen.

Fast alle Eingriffe der Dysgnathie- d. h. der kieferverlagernden Chirurgie sind prinzipiell auch ambulant durchführbar. Dieses setzt jedoch ein erfahrenes OP- Team und insbesondere eine besondere Narkoseführung voraus. Durch eine bewusste Hypotension, d. h. eine bewusst niedrige Einstellung des Blutdrucks während der Operation, lassen sich die Blutungsrisiken vermindern und auch die Schwellungen reduzieren. Dieses bedeutet dann für den Patienten eine deutlich geringere postoperative Belastung.

Impressum